Montag, 18. Mai 2009

Am Fenster (Lyrik)




Dass ich nun lache: wegen der Frau, die ängstlich

ihren Hals verdreht, auch wegen dem Kind, das gellend

in den Hof schreit, auch wegen der Schritte

auf der Treppe, dass ich mich

wundere: wegen der geplatzten Adern

unter deinen Augen, dass ich nun würgen muss, mich

schüttele und krümme, dass ich verkrampfe,

zusammenzucke, dass ich all das: die alte Frau

am Fenster, mit ihren Brüsten auf dem Sims mit ihren

Schweinsaugen, den dreckigen Hof voll Krempel

und Mondschein, auch die Kinder, die längst

im Bett sein müssten und noch Fußball spielen,

auch jenen Schuh, der ohne Besitzer

neben dem Gerüst liegt, auch die Feiernden

im Park, auch die matt glimmenden

Straßenlaternen und Lampions, auch die Frau

im cremefarbenen Kleid, mit einem Finger

gegen die Stirn tippend, die laute Musik

aus den Boxen, die Notstromaggregate

unten auf der Party, auch die Tische, wackelig

und festlich geschmückt, auch die Holzbänke, auch

die Bierflaschen, die rostroten Stangen

der Schaukel, den Jungen mit Rucksack

an der rechten Schulter, die Fahrräder

in den Hauseingängen, die Klappstühle und

Wäscheleinen, die alte Katze, die dreibeinig

durchs Gras streicht, auch die tief inhalierten

Zigaretten, die lockeren Hüften der Tanzenden,

das Krächzen des dicken Mannes, das Mädchen

mit verfilztem Haar im Nachthemd, auch

das Maklerbüro gegenüber, das immer noch

leer steht, die Slogan an den voll gesprühten

Wänden: „Thüringen, hier stinkt es

nach Roster!“, die cremefarbenen Cocktails, auch

das Zittern der Hausspinnen am Sims, und auch

Dich meine Liebe, dass ich all das nun

laut auslache: es sei mir verziehen.

Freitag, 3. April 2009

Rezension für "Fixpoetry"




Reiseberichte von den „magischen“ Orten zwischen Arbeitswelt, Dichtung und Intimität - Frank Milautzckis neues Gedichtbändchen „Hemden denken“


Rezension von Mirko Wenig


Dass die Hemdsärmeligkeit des Arbeiters etwas Glamouröses besitzen kann, wissen wir nicht erst seit den Selbstinszenierungen von Gerhard Schröder als „Macher“. De facto gehört der Mythos der Hemdsärmeligkeit zu den Verheißungen der Popkultur wie der Hüftschwung zum Rock´n´Roll, stets in Verbindung mit der Erotik körperlicher Anstrengung. In der Bluesmusik beispielsweise wurden Arbeitstopoi verwendet, um den Geschlechtsakt zu umschreiben: „Balling the Jack“ bedeutete in der Eisenbahnersprache, eine Lokomotive auf Höchstgeschwindigkeit zu trimmen, wurde jedoch später auch von Bluesmusikern als Slangbegriff für Sex benutzt. Arbeit, Schweiß, Sex und Rockmusik – diese Begriffe sind bei vielen Musikern kaum zu trennen. Zu erinnern wäre an die schweißtreibenden Auftritte von Bruce Springsteen, an Johnny Cash, aber auch an die Working Class- Inszenierungen des Brit Pop bei Bands wie den Smiths, The Libertines oder Oasis. Und obwohl die Idee von körperlich schwerer Arbeit als Sinnbild für die Schaffenskraft des Menschen, für Muskelkraft, Erotik und Kreativität schon mehrfach destruiert wurde, erlebt sie doch immer wieder ein Comeback.


Arbeitswelten beziehungsweise die damit verbundenen Inszenierungen wären also durchaus auch ein aktuelles Thema für die Lyrik, und es ist verwunderlich, wie wenig es bei Lyrikern der jüngeren Generation eine Rolle spielt. Frank Milautzcki hat sich dankenswerterweise nun des Themas in seinem neuen Lyrikbändchen angenommen, denn in gleich mehreren Gedichten wird geschwitzt, geschuftet und geschaffen. Bereits in seinem ersten Gedicht „Düsenwechsel im Juli“ ist die körperliche Anstrengung bis in die Poren hinein spürbar: „Es muss schnell gehen./ Der eine weiß, wie stark er ist/ und schwitzt in knappen Hemden,/ der andere sammelt heiße Schrauben,/ die klingelnd in die Ausbrennschütte schlagen,/ während alle über seine unbehaarten/ Beine kichern…“ Aber es geht Milautzcki nicht um ein Abbild des Arbeitsalltags. Vielmehr ist in seinen Texten ein weiterer Begriff von Arbeit mitzudenken, der spätestens seit der Romantik an Einfluss gewonnen hat: Arbeit ist auch die Arbeit am Selbst, am Menschen. Der beschriebene Düsenwechsel im ersten Gedicht des Bandes ist eigentlich eine Pause vom Unterwegssein. Aber auch hier geht es um die Verheißung der Mobilität, um die erotische Strahlkraft des Körpers, um das menschliche Miteinander, wofür Milautzcki einen genauen Blick hat.


So ist es nicht verwunderlich, dass auch in jenen Gedichten Frank Milautzckis das Tun und Schaffen des Menschen im Mittelpunkt steht, die nicht explizit Arbeitsprozesse zum Thema haben. „Ponte „Brolla“ heißt der zweite Text des Bandes: eine Ortschaft in der Schweiz, nicht nur berühmt für ihre zauberhaft bizarren Felsformationen, sondern gleichsam auch Austragungsort der Europameisterschaften im Klippenspringen. Auch hier kann sich der Mensch beweisen, ist Teil einer Inszenierung, die auf Ästhetik und Selbsterfahrung abzielt. Im Gedicht jedoch kommt der wahrnehmenden Instanz die Orientierung durcheinander: zugleich Beobachtender als auch Springender, setzt sie zum Sprung an, während die Schultern bereits im Wasser untergetaucht sind. Zwischen Rausch und Taumel allgegenwärtig ist die Gefahr, an der eigenen Inszenierung zu scheitern: „dumm wie Kinder lassen wir uns/ über die Felsen ins Wasser lassen wir uns/ ins tiefe, kalte, klare Wasser,/ wo die Ungeheuer nach den Beinen hangeln/ und der Tod mit weißen Augen jedes Leben käsig/ grün beschmiert, lassen wir uns/ fallen.“


Ich ertappte mich dabei, die Texte als Reisegedichte aufzufassen, denn der Autor erkundet ebenjene Orte, an denen sich das „Projekt Menschwerdung“ täglich vollziehen muss, wobei sich das Unterwegssein leitmotivisch durch den gesamten Band zieht. Es sind Plätze, die auch in der heutigen Zeit noch Magie und Selbsterfahrung versprechen, an denen zugleich das Menschsein am meisten bedroht ist. Selbst wenn Milautzcki scheinbar verlassene Ortschaften und Einöden skizziert –„Das verlassene Haus“ heißt etwa ein Gedicht, gleich mehrere sind mit „Gegend“ betitelt – herrscht dort die Arbeit am Menschen vor. „Sein ipod hing wie ein Amulettstein/ in seinem Habitus“ heißt es über einen wartenden Jungen im Gedicht „Das verlassene Haus“, „… und jeder Satz nur ein Nicken.“ Häufig sind die vermessenen Gegenden auch Sehnsuchtsorte, sind zugleich gespenstische Traumgegenden, für die Milautzcki bizarre Bilder findet. Indem die Alltagsbeobachtungen immer wieder durch die Kategorie des „Wunderbaren“ gebrochen werden, sich zerklüftete wie dämonische Traumlandschaften auftun, beweist Milautzcki auch hier seine Schulung an der romantischen Schule. In diesem Sinne ist auch der Begriff „magisch“ als romantisch zu verstehen: die Möglichkeit der Entzauberung bereits mitgedacht, so dass am Ende vielleicht nicht mehr bleibt als der Tod, als ein Verhallen auch der Dichtung.


Und natürlich sind die Gedichte auch Dialog mit Dichtkunst und mit – Popmusik. Bereits der Titel „Hemden denken“ verweist auf Gedankenarbeit und Reflexion als ein prägendes Moment des Bandes, wovon die poetologische Reflexion nicht ausgenommen wird. In dem Gedicht „neither fair nor unfair“, welches der männlichen Diva Robert Smith gewidmet ist, heißt es: „Vielleicht ist es eine Idee, was aussieht/ wie fiebrige Luft. pair ou impair/ Muster ohne Wert, aber genau von Belang./ Vielleicht macht, was uns durchzieht/ aus allem einen Duft, und auch in der Umkehr/ aus Duft einen ewigen Drang.“ Dies kann auch als Charakterisierung der Lyrik verstanden werden.


Gemeinsam ist jedoch allen Texten Milautzckis: sie verraten eine ethische Haltung, indem sie danach fragen, was der Mensch zu schaffen hat – in der eigentümlichen Bedeutung des Wortes, die Möglichkeit des Scheiterns inbegriffen. Auch diese ethische Haltung ist vom Scheitern bedroht. Im letzten Gedicht wendet sich diese gegen sich selbst. Es wird also noch gearbeitet: in den Werkshallen, am Gedicht, am Menschen:



Ein Satz, den man nicht mehr sagt, ein Haus,

das man verschweigt.

Eine Adresse, zu der man nicht passt.

Ein Tag, der nicht gelebt wird. Ein Stein,

der nicht daliegt. Ich, wie es das Offene

übt und im Vorbeigehen die Rehe füttert.

Und mit den Rehen den Wolf.



Frank Milautzcki: Hemden denken. Gedichte. Verlag im Proberaum 3, Klingenberg 2009.



Montag, 9. März 2009

Live und ungeschnitten: Lesungen zur Buchmesse




Wie jedes Jahr zur Buchmesse in Leipzig startet der Autor dieses Blogs auch dieses Jahr wieder eine umfangreiche Welttournee, um nuschelnd, lallend und vor allem laut vorlesend unzählige Freigetränke an den Tresen der Veranstalter abzuräumen. Los geht es am Freitag dem 13. im Cafe Barcelona, Gottschedstraße. Sonnabend werde ich dann um 12:00 Uhr auf dem Messegelände in Halle 5 zu sehen und zu hören sein: Du bist nicht allein. Nachrichten vom Gemeinschaftsstand der Jungen Magazine

03-13-2009 19:00@Hausdurchsuchung zur Buchmesse
Barcelona, Gottschedstraße 12, 04109 Leipzig, Leipzig, Sachsen 04109
Cost: frei/free


Dienstag, 3. März 2009

Poetryletter bei "Fixpoetry.com"



Bei Fixpoetry.com wurde ich diese Woche mit dem Gedicht "Nachtspaziergang" für den Poetryletter ausgewählt. Dort wird es zukünftig neben Gedichten auch Rezensionen von mir geben. Die Zeichnung stammt von Michael Zauner. Fixpoetry- Eine empfehlenswerte Seite für Lyrik- Leser!

Freitag, 17. Oktober 2008




Kleinstadtindianer

Sie reiten nicht. Aber
sie bewachen
den Mond, wenn sie sich
nachts sammeln unten
auf dem Parkplatz wo
die Lieferwagen stehen:
sie werden ausgespäht
von Nachbarsaugen
hinter Gardinen

Und einer ruft in den Wind hinaus
ein anderer zeigt Kunststücke
auf dem Rücken seines Skateboards
Oh, sie trauen nicht der Ruhe
haben kein Nachtlager aufgeschlagen
und immer wieder
das Zusammenstecken der Köpfe
das Austauschen von Küssen
mit blassen Mädchen
gegenüber auf dem Bahndamm
wachsen Kabel aus dem Gras
kein Zug schlägt hier mehr Funken

Dann plötzlich der Aufbruch
Sie ziehen nach Hause oder
in eine Kneipe
wo es kein Bier mehr gibt: unterwegs
werden die Risse im Asphalt
zu kleinen Nattern.

Freitag, 12. September 2008

Ostseebad Lubmin


Ostseebad Lubmin
(Gedicht, Entwurf)

Wir haben den Stein, den ungeschliffenen,
zurück ins Meer geworfen. "Hoffnung"
steht auf einem Boot, in roter Farbe,
ein Puppenspieler spielt ohne Publikum
am Strand. Und wieder

Staumeldungen, irgendwo im Radio,
das Ausbleiben der Wellen. Ein Kind
fragt, ob Plankton Tiere seien
oder Pflanzen.

Der Puppenspieler packt seine Sachen
und geht. Was bleibt, ist die Behauptung,
das alles im Meer anfing: das Leben, so
sagst du, vielleicht auch die Liebe. Und
irgendwo da draußen liegt ein Stein,
ungeschliffen ins Meer geworfen,
bis ihn der nächste findet und
zurück schleudert.



Das Badespielzeug kann bestellt werden bei Baby- Walz

Dienstag, 9. September 2008

Blutige Ernte - Warum Dariusz sterben musste

Am Montag, dem 15. September 2008, läuft 22 Uhr auf WDR 3 eine Dokumentation über die Arbeitsbedingungen von Feldarbeitern in Italien - sie kommen meist aus Osteuropa oder Afrika, werden wie Sklaven behandelt, mit Waffen bewacht, geprügelt und auch getötet. Ein erschreckendes Lehrstück über die Folgen der Globalisierung, denn der Beitrag "zeigt auch, wie das billig produzierte und von der EU subventionierte Tomatenmark aus Italien afrikanische Märkte überschwemmt und dort bäuerliche Eigenproduktionen ruiniert. Das Ergebnis – weitere Armutsflüchtlinge aus Afrika und Nachschub für die modernen Sklavenmärkte Europas"
Einen Eindruck in die unmenschlichen Zustände vermittelt der aktuelle Newsletter des Journalisten Jürgen Roth, den ich hier wortwörtlich wiedergebe:

SKLAVENARBEIT IN EUROPA

La terra promessa
Das gelobte Land schien für viele Wanderarbeiter und Erntehelfer aus Polen dort zu sein, wo die Tomaten reifen, die zu den besten der Welt gehören, die aus Foggia. La terra promessa liegt in Apulien, am Stiefelabsatz Italiens, Hoheitsgebiet der Sacra Corona Unita, der apulischen Mafia. Die Gegend gilt als das Gemüseanbaugebiet Nummer eins in Italien. Nachdem einheimische Arbeitskräfte entweder nicht vorhanden oder für die Landwirte und Großgrundbesitzer zu kostspielig waren, öffnete Italien, wie andere europäische Länder, seine Grenzen, um billige Arbeitskräfte anzulocken. Seitdem herrscht ein grenzenloser und teilweise tödlicher Arbeitsvermittlungsmarkt. Die Ernte läuft unter unmenschlichen Bedingungen ab und mehr als jeder zweite Landwirt rund um Foggia beschäftigt illegale Erntehelfer. "Die Arbeiter werden wie Sklaven gehalten und zwar von denjenigen Landwirten, die gleichzeitig EU-Subventionen erhalten", klagte Stephen Huges, ein britischer Europa-Abgeordneter. "Aber es ist nicht alleine ein italienisches Problem."
Am Straßenrand liegt die verkohlte Leiche eines 45-jährigen Mannes, nicht weit davon entfernt stirbt ein 25jähriger Pole an seinen Kopfverletzungen, nachdem er von einem Auto überfahren wurde. In einem verlassenen Schweinestall wird die Leiche eines verbrannten Mannes entdeckt. Um seinen Hals hängt sein Pass. Er kam aus Polen. Ein 35jähriger Litauer stirbt durch Erstickung, andere Erntehelfer aus Polen sind wegen unbehandelter Krankheiten elend krepiert. "Vielleicht hängt diese Krankheit mit schlechten Arbeitsbedingungen zusammen", meinte ein Carabinieri. Geschätzt wird, dass jährlich rund Tausend in Polen oder anderen osteuropäischen Ländern angeworbene Erntehelfer Sklavenarbeit auf süditalienischen Plantagen leisten. Untergebracht sind sie in primitiven Unterkünften, die von der Staatsanwaltschaft in Bari als "Lager sowjetischen Charakters" bezeichnet wurden. Die Arbeiter und Arbeiterinnen mussten auf der nackten Erde schlafen oder in primitiven Zelten. Flüchten konnten sie nicht, da bewaffnete Capos, häufig Polen oder Ukrainer, sie ständig im Auge behielten. Wer zu flüchten versuchte wurde erschossen oder brutal zusammengeschlagen. Als ein Arbeiter es wagte, unerlaubt in der Stadt einzukaufen, wurde ihm mit einer Eisenstange auf den Kopf geschlagen, einem anderen unbotmäßigen Arbeiter wurden beide Arme gebrochen. Andere sind an Erschöpfung gestorben und wurden irgendwo auf den Feldern verscharrt. Die Frauen wurden vergewaltigt und teilweise zur Prostitution gezwungen. Und noch immer werden polnische Arbeiter vermisst. Befürchtet wird, dass sie ermordet wurden. In einem abgehörten Telefongespräch ist folgendes protokolliert: "Ich gehe jetzt ins Feld. Ich lasse nicht zu, dass sie sich so verhalten. Ich habe gesagt, dass ich heute einen oder zwei töten werde, um ein Exempel zu statuieren." Der Capo hatte erfahren, dass einige Arbeiter flüchten wollten. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen sagte zu diesen Zuständen: "Ich habe nicht erwartet, so etwas in Italien anzutreffen. Die Situation bewegt sich am Rand einer Notlage, wie wir sie zum Beispiel im Kongo oder in Angola antreffen."
Der Einsatz osteuropäischer Erntehelfer ist ein blühendes Geschäft in einer Region, in der nichts ohne die Duldung durch die regionalen Mafiafürsten von der Sacra Corona Unita möglich ist. Die Capos sind häufig Osteuropäer, Caporali genannt. Sie leisten die Schmutzarbeit für die italienischen Landwirte. Abführen müssen sie einen bestimmten Prozentsatz ihrer Einnahmen an die örtlichen Mafiafamilien.
Eines dieser Arbeitslager bei Foggia in denen sie quasi Gefangene waren, um Tomaten zu ernten, wurde Im Sommer 2006 von der Polizei gestürmt. Aber erst nachdem der polnische Honorarkonsul massiv Druck auf die örtlichen Behörden ausgeübt hatte. Auf die Frage, warum die Polizei in Foggia bislang nichts gegen die Sklavenhalter unternommen habe, erklärten Zeugen, dass sie bei der Polizei zwar um Hilfe nachsuchen wollten, aber Angst bekamen, als sie dort die gleichen Gesichter sahen, die mit den Capos ihres Arbeitslagers zusammengearbeitet hatten. Die Carabinieri befreiten neunzig Polen und fünfzehn Slowaken aus dem Arbeitslager. Das Gelände war mit Stacheldraht umzäunt und durch bewaffnete Capos bewacht. Bei ihrer Anwerbung in polnischen Zeitungen wurde ihnen ein Lohn von sechs bis sieben Euro pro 200 Kilo geernteter Tomanten versprochen. Anstatt des versprochenen Lohnes erhielten sie drei Euro pro Tag, für Einkäufe in den umliegenden Ortschaften. Die Arbeitszeit war von vier Uhr am frühen Morgen bis spät in die Nacht hinein. Wer nicht gehorchte wurde brutal zusammengeschlagen. Die Flucht war unmöglich, auch weil ihnen die Reisepapiere abgenommen wurden und keiner italienisch sprach. Für jede Kleinigkeit mussten die Arbeiterinnen und Arbeiter aus Polen zahlen. Die Fahrt zum Tomatenfeld kostete 1,50 Euro, die Unterkunft 5.50 Euro pro Tag in einer fensterlosen Baracke, oder 15 Euro pro Woche im Zelt. Als Nahrung erhielten sie Wasser und Brot, für das sie ebenfalls bezahlen mussten. Bereits in Polen hatten sie 50 Euro für die Vermittlung und 200 Euro für die Busfahrt von Warschau nach Süditalien gezahlt. Sie wollten ihrer Armut entkommen. Im Juni 2007 griffen die Carabiniere erneut zu. Diesmal befreiten sie 113 polnische Arbeiterinnen und Arbeiter. Zeitgleich wurden fünfzehn Verdächtige, davon elf Polen verhaftet. Der italienische Untersuchungsrichter beschuldigt sie der Teilnahme an einer Verbrecherbande mafiosen Charakters.
Der Run nach billigen Arbeitskräften, ihre Vermittlung, ob in Italien, Spanien oder anderswo ist ein Geschäftsfeld sowohl skrupelloser Geschäftsmacher wie der Mafia gleichermaßen. Nichts unterscheidet sie in ihrer Skrupellosigkeit. Werden diese kriminellen Machenschaften aufgedeckt greift der demokratische Rechtsstaat ein. Der hat jedoch diese Form der Ausbeutung erst ermöglicht, durch die enthemmte Liberalisierung des gesamten Wirtschaftssystems. Das nutzen jene aus, die das archaische Klientelsystem der Mafia vielleicht nicht geklont, sondern vielmehr perfektioniert haben.

http://www.wdr.de/tv/diestory/sendungsbeitraege/2008/0915/index.jsp

Webseite Jürgen Roth